Bewertet von Dopamin
am 16. November 2010
Neuwagen-Probefahrt: BMW 120i
Nachdem mich der Škoda Fabia 1.2 TSI mit 105 PS trotz einiger Abstriche schon größtenteils überzeugen konnte, möchte ich mir dieses Mal den 1er von BMW etwas näher ansehen. Klar, vergleichbar sind die beiden Modelle kaum, spielt der 1er doch in einer ganz anderen Liga, sowohl in Anspruch als auch Preisklasse, und ein wenig Image und Prestige zahlt der Kunde irgendwie dann doch. Dennoch reizte mich der Gedanke, die beiden mal gegenüberzustellen.
Seit dem 2007er Facelift wurde beim 1er – wie mittlerweile bei jedem BMW-Modell – das scharfkantige, provokante Design entschärft und nähert sich damit dem als etwas klassischer empfundenen Äußeren eines BMW. So wirkt nun auch der 1er-Neuwagen gefälliger. Die Scheinwerfer wurden überarbeitet, wirken nun passgenauer, enger an der Karosse orientiert. Auffälliger ist das völlig geänderte Design der Nebelscheinwerfer. Diese sind nun keine aufdringlichen Glupscher mehr, sondern wurden sinnvoll in den vorderen Stoßfänger integriert, die ebenfalls moderner gestaltet worden sind. Der 1er bekam zusätzlich neue Seitenspiegel spendiert. Ein Blick von hinten bestätigt schnell meine aufkeimende Vermutung: Auch am Hintern des 1er wurde Hand angelegt. Die Heckleuchten wurden modernisiert, der Stoßfänger aufgehübscht. Schön: Das hässliche Plastik-Abteil an der Unterseite der Heckstoßstange ist nun endlich verschwunden. So darf denn ein Neuwagen anno 2010 aussehen.
Im Innenraum setzt sich der am Äußeren gewonnene Eindruck fort. Hier hat der 1er im Vergleich zu seinem Pendant ohne Facelift deutlich gewonnen. Endlich sind wir auch hier im Neuwagen-Premium-Segment angelangt. Die Bedienelemente sind logisch angeordnet und werfen kaum Fragen auf. Die Klima-Regler liegen nicht zu tief, sind gut erreichbar. Sowohl die Teilledersitze als auch Armaturen, Lenkrad und Schaltknauf fühlen sich hochwertig an und werden dem hohen Preissegment gerecht. Die Instrumente und Displays lassen sich sehr gut ablesen, auch bei Sonneneinstrahlung. Ebenso verhält es sich mit dem guten und zuverlässigen Navigationsgerät. Das iDrive-System ist mittlerweile soweit überarbeitet, dass es für dieses keinen Anlass zur Kritik gibt; außer, dass es teilweise stark vom Fahren ablenkt. Auch lässt sich das Navi nicht einfach abschalten.
Im gut ausgeformten Fahrersitz sitze ich mit einer Körpergröße von 1,80 m sehr gut und bequem. Ich habe ausreichend Platz und habe nicht das Gefühl, beengt zu sitzen. Wer allerdings nach hinten möchte, der sollte nicht zu groß und ich zu füllig sein. Eine gewisse Fitness wäre auch nicht schlecht, denn es erfordert eine gewisse Gelenkigkeit, den Körper aus den tiefen Sitzen wieder hinaus zu zirkeln.
Der Fahrkomfort im Serienfahrwerk ist bereits BMW-typisch straff ausgelegt. Trotzdem lässt es nicht an Komfort missen. In dieser Hinsicht bildet es einen guten Kompromiss. Sowohl sportlich in zügigen Kurven als auch locker lässig Cruisen ist mit dem 1er-Neuwagen drin. Dabei federt der 1er akzeptabel und ausreichend, schluckt das Nötigste weg.
Der Motor kann durchaus Spaß machen, wenn man ein Faible dafür hat. Der 2.0-Liter-Benziner leistet nun satte 170 PS und zieht ordentlich los. Wer allerdings empfindliche Ohren hat und weniger auf Motorsound steht, der dürfte seine Probleme haben. Denn der 1er fährt für einen Neuwagen überraschend laut und rau, im Lenkrad sind die Motorvibrationen spürbar. Die Handschaltung dagegen ist ohne Tadel. Kurz und knackig flutsche ich durch die einzelnen Gänge; schnelles und gemütliches Schalten, alles kein Problem.
Wenig auffällig sind die Start-Stopp-Automatik und die Bremsenergierückgewinnung. Hält man an der Ampel und geht in den Leerlauf, nimmt den Fuß von der Kupplung, schaltet sich der Motor aus. Sobald ich wieder auf die Kupplung trete, um den ersten Gang einzulegen, springt der Wagen wieder an. Was jedoch fehlt, sind Langzeiterfahrungen mit der Start-Stopp-Automatik und inwieweit das ständige Anlassen des Motors langfristig Auswirkungen hat.
Im Verbrauch hält sich der kleine BMW angenehm zurück. Angesichts der vorliegenden Leistung ist das beachtlich, hängt aber auch stark von der eigenen Fahrweise ab.
Trotz der ganzen schönen Seite und vielen Vorteile ist meines Erachtens noch 'ne Menge Luft nach oben. Der Motor muss noch laufruhiger werden, auch wenn er Dank Direkteinspritzung schon sehr viel sparsamer geworden ist.
Frech dagegen ist teilweise die Preispolitik von BMW. Bei einem Neuwagen dieser Preisklasse sollte es selbstverständlich sein, dass eine einfache Klimaanlage, beheizbare Seitenspiegel und umklappbare Kopfstützen serienmäßig an Bord sind, immerhin kostet der 120i in der von mir gefahrenen Ausführung als Neuwagen stolze 37.990,- €, da möchte ich nicht 60,- € für klappbare Kopfstützen investieren müssen, um die furchtbare Rundumsicht auszugleichen. Ebenso unschön ist die schon fast obligate Paket-Politik vieler Automobil-Bauer. Und überhaupt bleibt ein BMW ein BMW, und so einer ist teuer, auch wenn er nur Golf-Größe hat.
Das heißt für mich: Kaufen werde ich mir keinen 1er-Neuwagen, obwohl mir der 120i durchaus gefällt. Fast 38.000,- € für ein Auto, das ich am liebsten noch mit einigen Sachen aufpeppen wollen würde. Schnell käme ich auch 40 – 45.000,- €. Und für das Geld kann ich mir gleich einen 3er in die Garage stellen. Außerdem ist der Motor noch zu rau und krankt mit Vibrationen. Die kleinliche Preispolitik schreckt zusätzlich ab. Was bleibt, ist ein an sich sehr gutes Auto mit sehr guten Anlagen. In Verarbeitung und Qualität macht BMW niemand so schnell etwas vor, wie auch in Sachen Fahrdynamik. Zudem ist er alltagstauglich, sparsam im Verbrauch mit geringen Schadstoffwerten. Auch macht der kleine 1er Spaß, der Motor zieht ordentlich, auch schon untenrum. Und dennoch ist noch Luft nach oben und Raum für Verbesserungen.
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