Biosprit E10: Öko-Willkür sorgt für Unmut und Unverständnis bei Autofahrern – E10-Abschaffung steht im Raum während Super Plus an der Zapfsäule knapp wird
Freitag, 4. März 2011 von Mario LehmannDie Einführung des „Biosprits“ E10 in Deutschland ist gefloppt. Wer trägt die Schuld an dieser Misere? Der ADAC lässt durch Maxi Hartung im ARD-Morgenmagazin verlauten, die Mineralöl-Konzerne hätten die Aufklärung am Kunden verschlafen.

Was darf es denn sein? Statt auf dem Teller landen Mais, Weizen und Zuckerrüben vermehrt in den Tanks zahlreicher Verbrennungsmotoren. Die Verwendung als Nahrung erschiene auf den ersten Blick sinnvoller. // (CC) Wikimedia Commons, Autoren: Loyna (l.), Civertan (m), 4028mdk09 (r.)
Dort, wo das neue Produkt E10 erstanden werden kann und soll, fehle es an Informationen und Aufklärungsmaterial. Daher ist aus Sicht des ADAC die Schuld bei den Öl-Konzernen zu suchen. Die Öl-Wirtschaft dagegen verwies bisher auf die Autohersteller, die die Autofahrer darüber informieren müsse, ob und welche Modelle E10-verträglich sind. Langzeit-Tests und -Studien bei Neuwagen hierfür gibt es allerdings nicht. Stattdessen häufen sich die Fragen der Autofahrer. Wie sieht es bei Oldtimern mit der E10-Verträglichkeit aus? Verträgt ein VW Polo Baujahr 2010 E10, wird im Community-Bereich auf autoaid.de gefragt. Schnell wird klar, viele sind sich nach wie vor unsicher.
Doch auch die Bundesregierung gerät in die Kritik. Tom Hillenbrand weist in seinem SpOn-Kommentar darauf hin, dass die Regierung den Verkauf von E10-Sprit erzwinge, um einen fragwürdigen Kraftstoff durchzusetzen, der eine fragwürdige Öko-Bilanz aufweise. Denn geholfen wird mit der E10-Einführung niemandem. Dirk Maxeiner und Michael Miersch bringen das Ganze in einem Artikel auf welt.de auf den Punkt: „E10 nutzt dem Klima nicht, schadet der Umwelt und macht die Menschen ärmer.“ Beide bringen zudem den Willkür-Begriff ins Spiel. Ihrer Meinung nach sei die „Biosprit“-Einführung per definitionem verfassungswidrige Willkür – sowohl von der Bundesregierung als auch der Europäischen Union. Somit werden die Endverbraucher dazu genötigt, einen Kraftstoff zu tanken, den viele nicht wollen – sei es aus Unsicherheit und Angst oder aus Überzeugung – und der darüber hinaus den Äußerungen vieler Experten und Vereinigungen gemäß keine ökologischen Vorteile bringe.
Beide, Maxeiner und Miersch, halten die E10-Einführung für „ökologisch und ökonomisch irrsinnig“. Mit Sprüchen wie „Sprit statt Brot“ oder „Tank statt Teller“ wird darauf hingewiesen, dass der Nutzpflanzen-Anbau für Bio-Ethanol Nachteile für die Nahrungsmittelproduktion nach sich ziehen kann. So bringen die USA beispielsweise aufgrund der Produktion von Bio-Ethanol aus Mais die Weltmarktpreise durcheinander, da schon jetzt etwa ein Drittel des US-amerikanischen Mais-Ertrags für die Bio-Ethanol-Produktion aufgewandt werden. Folge: Die Mais-Preise steigen und Mexiko erließ bereits eine Notverordnung, um die Preise künstlich zu regulieren. Das zeigt, es gibt direkte Auswirkungen auf den Lebensmittelmarkt.

Die Bio-Ethanol-Anlage der der Südzucker unterstellten "CropEnergies" in Zeitz ist die größte und modernste ihrer Art in Europa. Verarbeitet werden Weizen, Mais, Gerste, Tricitale und Zuckersirupe statt zu Nahrung zu Bio-Ethanol für Kraftfahrzeuge. // (CC) Wikimedia Commons, Autor: High Contrast
Zu allem Übel kommt hinzu, dass deutsche Autofahrer den E10-„Biosprit“ meiden, stattdessen lieber das bis zu acht Cent teurere Super Plus tanken. Da jedoch nur 15 – 20 Prozent der Kraftstoff-Produktion auf Super Plus entfallen, herrschen bereits erste Engpässe. Während die E10-Tanks übervoll sind, pfeifen die Super Plus-Tanks auf dem letzten Loch.
Tom Hillenbrand wirft in seinem Kommentar der Regierung vor, nur halbherzig den EU-Vorgaben gerecht werden zu wollen. Ziel ist nämlich die Senkung des CO2-Ausstoßes der gesamt-deutschen Autoflotte. Anstatt, wie Hillenbrand anführt, Druck auf die Automobil-Industrie auszuüben, die Kfz-Steuer CO2-gemäß anzupassen, Förderungen für die Elektro-Mobilität zu gewähren oder die unbeliebte PKW-Maut zu erlassen, um Autofahrer dazu zu verleiten, bewusster zu fahren, wird auf seltsamste Art ein pseudo-ökologischer Alternativ-Kraftstoff durchgedrückt.
Zugegeben, die angeführten Maßnahmen Hillenbrands sind teils harter Tobak, würden ihre Wirkung jedoch kaum verfehlen. Und dennoch vertut sich Hillenbrand, wenn er behauptet, die Regierung sei zu feige und wolle lediglich der Autoindustrie und den Autofahrern nicht weh tun. Denn die E10-Einführung tut den Autofahrern sehr wohl weh. E10 wird nicht ohne Grund links liegen gelassen: es ist ökologisch bedenklich, erhöht den Spritverbrauch (wie die Autobild testete; wir berichteten) und verringert die Motor-Leistung, die Alternative Super Plus – das 95 Oktan Super-E5-Benzin soll im Laufe der Umstellung wie vor wenigen Jahren das Normalbenzin ganz vom Markt genommen werden – ist für den Autofahrer bis zu acht Cent pro Liter teurer. E10 tut damit sogar sehr weh.

Dieser brasilianische VW Polo IV als Flex Fuel-Version verträgt das in Brasilien weit verbreitete E85-Benzin mit 85%igem Ethanol-Anteil. Nachteil an E85: ca. 30 % Mehr-Verbrauch. Dass es funktioniert, sieht man in Brasilien. Doch die Öko-Bilanz ist nicht sauber und gefahren wird auf Kosten der Nahrungsmittelproduktion. // (CC) Wikimedia Commons, Autor: Mariordo
Und der ADAC? Neben Maxi Hartung ist auch ein kurzer Text auf adac.de zu lesen, in dem ADAC-Präsident Peter Meyer zitiert wird. Dieser teilt die Schuld auf und weist jeweils den Mineralöl-Konzernen als auch den Automobil-Herstellern den schwarzen Peter zu.
Weiterhin kommen dann die mittlerweile ADAC-typischen Forderungen zum Tragen. Der Club fordert flächendeckende Aufklärung zum „Biosprit“ E10, „[u]m dem Biokraftstoff endlich zum Durchbruch zu verhelfen“. Fraglich ist, wieso der ADAC überhaupt fordert, E10 weiterhin anzubieten und durchzudrücken, wenn dieser einer ökologischen Nullnummer und Milchmädchenrechnung gleichkommt?
Nun wurde die Einführung des E10-Kraftstoffes gestoppt. Dort, wo es bereits eingeführt wurde, soll es jedoch zunächst bleiben. Nun werden erste Stimmen laut, die fordern, die E10-Einführung wieder rückgängig zu machen; so neben Hillenbrand auch Markus Ferber, Vorsitzender der CSU-Europagruppe im Europäischen Parlament. Herbert Reul (CDU), Mitglied des Europäischen Parlaments, fordert ebenfalls eine Rücknahme von E10. Claudia Kemfert, u. a. Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, hält dagegen, wir seien auf E10 angewiesen, um vom Öl loszukommen und kritisiert sowohl die Regierung als auch die Mineralöl-Konzerne wegen mangelnder Aufklärung. Dass eine Öl-Abhängigkeit auch mit E10 bestehen bleibt, ist wohl Nebensache, zumal es vordergründig nicht um Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von Erdöl geht, sondern um Ökologie und Nachhaltigkeit. Eben in diesen Gebieten scheitert E10, wenn Nahrung teurer, Verbräuche höher ausfallen.

Warnung & Hinweis am Tankstutzen: Dieses Fahrzeug ist E10 tauglich. Aber mit E20 oder gar E85 darf dieses Fahrzeug nicht betankt werden. Ein solcher Hinweis an den Fahrzeugen in Deutschland würde vielen ihre Unsicherheit nehmen. // (CC) Wikimedia Commons, Autor: Mariordo
Welche Folgen eine E10-Rücknahme hätte, wurde bereits von der Öl-Wirtschaft angedeutet. Denn diese wird von der Politik quasi dazu gezwungen, einen gewissen Teil „Biosprit“ abzusetzen. Kann diese Quote nicht erfüllt werden, müssen die Öl-Konzerne Strafe zahlen. Um diesen Strafen vorzugreifen, erscheint es möglich, dass Super E5 wieder eingeführt wird – nur mit Aufschlag, um Strafzahlungen kompensieren zu können.
Wie die Debatte um den “Biosprit” E10 seit einigen Jahren geführt wird, zeigt sehr schön ein resümierender Artikel von Markus Becker auf spiegel.de. Schon im März 2008 lag demnach ein wissenschaftliches Gutachten vor, das dem damaligen Umweltminister Sigmar Gabriel hatte klarmachen sollen, dass jedwede Form von Bio-Ethanol-Anteil im Kraftstoff nichts verloren habe. Die Folgen für Umwelt und Klima seien negativer Natur, zu teuer und aufwändig sei die “Biosprit”-Produktion. Im Dezember 2008 erfolgte eine Studie zum selben Thema. Das Resultat ist dasselbe und die Empfehlung lautet: kein Bio-Ethanol im Benzin. Damit sind sowohl Wissenschaftler als auch Umweltschützer der Meinung, dass biogen erzeugtes Ethanol der Umwelt mehr schade, als nütze. Diese Einschätzungen gelten uach noch 2011. Doch Wissenschaftler, Umweltschützer und der Unwillen der Autofahrer bleiben ungehört. Auch eine US-amerikanische und eine britische Studie kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Die Erhöhung des Bio-Ethanol-Anteils im Benzin habe schwerwiegende Folgen: Um den von der EU geforderten Bio-Anteil von 9,5 Prozent bei den Kraftstoffen gewährleisten zu können, müsste eine Fläche agrarisch urbar gemacht werden, die doppelt so groß ist wie Belgien. Dieses abgeholzte und entwaldete Gebiet kann dmait kein CO2 mehr binden. Folglich würden wegen dieser Ackerflächen 56 Millionen Tonnen CO2 in der Atmosphäre belassen werden, das von dem zuvor vorhandenen Wald hätte gebunden werden können. Aber die Politik zeigt sich bis heute uneinsichtig, sowohl in Deutschland als auch in der EU.
Wir können es also wieder drehen und wenden wie wir wollen: Zahlen werden der Autofahrer und ganz besonders die Umwelt.

Warum muss der jetzt angebotene E10-Kraftstoff bis zum 30.04.2011 verkauft sein; gíbt es vielleicht Sommer-/Winter-E10 analog zu Dieselkraftstoff?
Hallo Walter,
ab 01. Mai darf der bisher produzierte E10-Kraftstoff nicht mehr verkauft werden. Bei diesem E10 handelt es sich um “Winterware”. Hintergrund ist die DIN 51626-1, die festlegt, dass sowohl Winter-E5 als auch Winter-E10 einen Dampfdruck von bis zu 90 Kilopascal aufweisen müssen. Das Sommer-E5 bzw. -E10 weist demgegenüber einen Dampfdruck von max. 60 Kilopascal auf.
Die Höhe des Dampfdruckes bestimmt, ab welchem Umgebungsdruck und darunter eine Flüssigkeit in einen gasförmigen Zustand übergeht. Da der Dampfdruck u. a. auch temperaturabhängig ist und verdampfter bzw. gasförmiger Kraftstoff nicht in den konventionellen Verbrennungsmotoren arbeiten können würde, werden beim Super-Benzin Sommer- und Winter-Kraftstoffe nötig.
Und eben nur bis zum 30.04. darf Super-Benzin mit einem maximalen Dampfdruck von 90 Kilopascal verkauf werden. Eine Lagerung von E10 komt aufgrund der Menge und derTatsache, dass die Tans für Sommer-Sprit benötigt werden, nicht in Frage. Es bleibt demnahc spannend, was mit dem Kraftstoff geschieht; wegkippen geht ja nicht so einfach …
Ich hoffe das beantwortet Deine Frage
Viele Grüße
Mario Lehmann
[...] in Zeiten von Erdbeben, Tsunami, Atomkraft, Libyen & Krise der arabischen Welt, Öko-Welle und E10-Misere überhaupt ein solches Automobil bauen und auf den Markt bringen? Gibt es denn weiß Gott nichts [...]
[...] werden müssten. Und da „Bio“-Kraftstoffe einen geringeren Energiegehalt aufwiesen – Super-E10 lässt grüßen – stelle die bisherige Besteuerung einen Nachteil für die „Bio“-Kraftstoffe [...]
[...] der Staatsapparat in Mobilitätsfragen träge, falsch und gegen seine Bürger arbeitet. Auf das E10-Desaster folgt die allgemeine Kraftstoff-Katastrophe. Wie der ADAC berichtet, war der April 2012 der bisher [...]